Risse in tragenden KS-Wänden

  • Am Wandputz tragender Wände eines Gebäudes mit Teil-UG, EG und 6 OG zeichnen sich plötzlich in mehreren Geschossen sehr fein alle Setz- und Stoßfugen eines KS-Mauerwerks ab. Praktisch ist die Kontur der einzelnen Steine komplett sichtbar. Es ist - soweit bisher bekannt - kein typisches abgetrepptes Rissbild.


    Verarbeitet wurde dieser Stein mit Dünnbettmörtel nach DIN EN 998-2. Die Rissbreite liegt bei (bisher ungemessen) ca. 0,1 - max. 0,2 mm. Das Objekt hat umlaufend tragende Außenwände und eine tragenden Mittelwand (quer!). Die Risse wurden bisher zufällig an beiden Giebelwänden und der parallel dazu liegenden tragenden Mittelwand festgestellt. Die Giebelwände sind als Brandwände mit Mineralfaserdämmung gegen die Nachbargebäude gemauert. Die Stahlbetondecken liegen voll auf dem Mauerwerk auf. Die Mittelwand steht beidseitig frei, bindet aber an beide Außenwände an. Die Wände sind alle im Querschnitt ungeschwächt. Festgestellt wurden die Risse bisher zufällig im 1. und 3. OG. Die Wände in UG und EG sind komplett in Stahlbeton errichtet und stehen exakt unter den Mauerwerkswänden.


    Als Innenputz wurde ein MP75 von Knauf aufgebracht.


    Das Bauwerk in den bisher bekannten betroffenen Geschossen wurde 2015 errichtet und stand dann insolvenzbedingt halbfertig bis 2019 offen, wurde dann ausgiebig beprobt und für ausreichend tragfähig befunden. Der Fertigbau des Rohbaus erfolgte 2018, der Ausbau mit Putz, Trockenbau und Estrich erfolgte ungefähr im 1. Halbjahr 2020. Die Risse wurden heute bei Fertigstellung der Malerarbeiten entdeckt.


    Nach erster Rücksprache mit Statiker und dem Putzer herrscht Ratlosigkeit - auch bei mir.


    Ideen?

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Heist dass, das Rohe Mauerwerk stand wie lang frei der Witterung?

    Wurden die Steine geklebt? oder mit Mörtel verarbeitet?


    Ich tippe auf Austrocknungsprobleme, mit reaktiven möglichkeiten an den Klebefugen. durch die nun in Gang gesetzte Klimatische Veränderung im Bau.

    Ob die von Stein selber herröhren oder durch den Kleber im Verbindung mit dem Putz? Prüfbar?

    :lach: Leute, kennt Ihr Quarantäne-Kaffee? Der ist wie normaler Kaffee aber mit Vodka drin und ohne Kaffee. :D

  • In (Auf)Bauboom nach der Wende waren KS so knapp, das die quasi vom Ofenportal auf die Baustelle gingen und dort ihr Endschwinden im eingebauten Zustand durchmachten. Angesichts des aktuellen Baubooms wieder so ein Phänomen?

    Meine Beiträge sind Meinungsäusserungen

  • Heute habe ich alle potentiell betroffenen Geschosse des 8-geschossigen Gebäudes (UG, EG + 6 OGe) untersucht:

    • das Phänomen tritt an allen tragenden KS-Querwänden vom 1. OG bis zum 5. OG auf (2 Giebelwände = Brandwände, angebaut, eine Querwand im 1. OG ausschließlich an Innenräume angrenzend)
    • die beiden Längswände des Hauses (Straßen und Hoffassade) sind (bisher) nicht betroffen
    • welche Unterschiede gibt es zwischen den betroffenen und den nicht betroffenen Wänden?
    • alle betroffenen Wände sind bereits seit rund einem Jahr durch Dach und angrenzende Gebäude völlig trocken, die beiden Längswände können erst seit einem runden halben Jahr trocknen
    • Die Rissbreite beträgt ca. 0,15 mm pro Fuge in den unteren Geschossen (längere Bewitterung) und < 0,10 mm in den oberen Geschossen (kürzere Bewitterung).

    Übersichtsfoto mit noch feuchter Grundierung des Malers:



    Risse markiert:



    angelegtes Rissbreitenlineal


    Heist dass, das Rohe Mauerwerk stand wie lang frei der Witterung?

    siehe # 01: mehrere Jahre / wenige Monate, aber durchweg feucht, ja


    Dei Dauer der Bewitterung korreliert begrenzt mit der Rissbildung: Lange Freiwitterung führt anscheinend zu etwas größere Rissbreiten, s.o.. Noch weiter oben liegendes Mauerwerk aus Dämmrigeren zeigt keinerlei Schrumpfung.

    Ich tippe auf Austrocknungsprobleme, ... durch die nun in Gang gesetzte Klimatische Veränderung im Bau.

    möglich, aber welche genau?

    Ob die von Stein selber herröhren ... (?)

    ... Endschwinden im eingebauten Zustand ... Angesichts des aktuellen Baubooms wieder so ein Phänomen?

    denkbar, aber unwahrscheinlich, da der ältere Teil ja schon mehrere Jahr als war, als der jetzt gerissen Putz aufgetragen wurde, aber auch der junge Teil nicht sonderlich alt war.

    3-4 Jahre dem Wetterausgesetzt?

    Ja, im stark gerissenen Teil schon.

    Kalksandsteine, Stichwort Trocknungsschwinden.

    Was sagt der Herrstellerverband?

    Der in DIN EN 1996/NA angegebene Rechenwert der Feuchtedehnung von Kalksandsteinen (Schwindmaß) εs∞= - 0,2 mm/m bezieht sich auf Prüfergebnisse an wasservorgelagerten Steinen. Es ist es daher in vielen Fällen ausreichend, ein baupraktisches Schwindmaß von - 0,1 mm/m zu Grunde zu legen.


    Siehe in: Das Mauerwerk, Heft 3 (2003) ; Schubert P. „Trocknungsschwinden von Kalksandsteinen“. Verlag: Ernst & Sohn; Berlin

    Nehmen wir einmal an, die Feuchteaufnahme "meiner" Steine entspräche maximal der nach einer Wasserlagerung. Dann wäre bei Steinen mit einer Kantenlänge von rd. 0,5 m eine mittlere Rissbreite von


    0,2 mm/m / 0,5 m = 0,1 mm


    zu erwarten. Das von mir "gemessene", eigentlich aber eher "optisch geschätzt"e Maß der Rissbreite beträgt ca. 0,15 mm. Die Größenordnung passt also grob zum zu erwartenden Maß. Die Differenz könnte über Messungenauigkeit erklärt werden.


    Carden Mark s Hinweis auf das Trocknungsschwinden von KS wäre damit eine schlüssige Erklärung! :thumbsup: Danke!


    Da komme ich doch gleich zur nächsten Fragengruppe:

    1. Kann dieses Schwinden nach einem guten Vierteljahr mit voller Heizleistung bereits als abgeschlossen angenommen werden?
    2. Reicht es bei den Wänden mit den Rissen aus, die Risse zu verspachteln oder ist es sinnvoll hier zusätzlich ein rissüberbrückendes Glasfaservlies Einspachteln zu lassen?
    3. Wie sieht es mit den noch nicht so lange trocknenden und vermutlich deshalb bislang noch rissfreien Längswänden aus? Glasfaservlies verarbeiten lassen?

    Was meinen die Kolleginnen und Kollegen?

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Ein paar Fragen habe ich noch:

    1. Wie lang sind die Querwände?

    2. Sind im Bild 2 alle Risse markiert, oder nur ein paar zur Verdeutlichung?

    3. Wo auf die Wandlänge bezogen sind die Risse?

    __________________
    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Ein paar Fragen habe ich noch:

    1. Wie lang sind die Querwände?

    2. Sind im Bild 2 alle Risse markiert, oder nur ein paar zur Verdeutlichung?

    3. Wo auf die Wandlänge bezogen sind die Risse?

    1. volle Gebäudetiefe, ca. 10 m / 12 m, volle Geschosshöhe
    2. exemplarische Markierung zur Veranschaulichung, Risse sind ganz gleichmäßig überall vorhanden. Sichtbarkeit hier durch nur teilweise Grundierung ungleichmäßig
    3. gesamte Länge

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Xella empfiehlt bei langen Mauerwerksscheiben vertikale Dehnungsfugen alle 6-8 m. Bei den Traufwänden gibt es sicherlich keine langen Wände wegen der Wandöffnungen.


    Es gab hier im Forum schon mal ein ähnliches Thema, wo es zwar um Ziegelaußenwände ging, aber das Rissbild ähnlich war.


    Dieser Artikel wurde damals verlinkt.


    Ich vermute ein Zusammenspiel von Schwinden, Verformungen der Decke, ggf. noch thermischer Belastung des Rohbaus und chemischer Belastung der Mörtelfuge durch Luftverschmutzung.

    __________________
    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Beim hier geschilderten Fall geht es abweichend aber um schwere KSV-Steine.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Es kann noch nicht ausgeschlossen werden, das es zu moch mehr Rissbildung durch Schwinden kommt.

    Lange Witterungseinflüsse bedürfen langer Trocknungs und Passivierungszeit.

    :lach: Leute, kennt Ihr Quarantäne-Kaffee? Der ist wie normaler Kaffee aber mit Vodka drin und ohne Kaffee. :D

  • Wenn bereits das absolute Schwindmass nach Nasslagerung erreicht ist, kann nicht mehr viel passieren, oder?

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Hat schon mal jemand geprüft, ob der Dünnbettmörtel evtl. Frostschäden durch viele Frost-Tau-Wechsel im durchnässten Mauerwerk hat? Ich weiß, das geht nicht zerstörungsfrei, aber evtl. kann man einer leicht zugänglichen Stelle mal die Zug- bzw. Scherfestigkeit des Mörteln prüfen, indem man versucht, einen Stein aus dem Verband zu stemmen. Bei intaktem Mörtel wird das nie an der Klebefläche klappen, d.h. der Stein muss regelrecht von der Fuge gestemmt werden.


    Das würde für mich das annähernd konstante Rissbild nach Schwinden der einzelnen Steine erklären.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Hat schon mal jemand geprüft, ob der Dünnbettmörtel evtl. Frostschäden durch viele Frost-Tau-Wechsel im durchnässten Mauerwerk hat?

    Ja, vor dem Weiterbau nach Stillstand wurden drei Proben entnommen und die Steindruckfestigkeit gemessen. Dabei waren die Proben kaum zu teilen.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Wenn die Ausgleichsfeuchtigkeit erreicht ist sollte das Schwinden abgeklungen sein.

    Und somit die Neurissbildung.

    Glasfasertapete ist übertrieben.

    Ich würde glattspachteln und ein Malervlies aufbringen.

    öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Maurer- und Betonbauerhandwerk