Mietendeckel - Fluch oder Segen?

  • Der Mietendeckel wird zwar, wenn überhaupt juristisch haltbar, erst einmal nur Berlin betreffen, scheint aber schon Wirkung zu zeigen:


    "Wegen Mietendeckel: Genossenschaften stoppen Bauprojekt"


    Alles nur Panikmache, oder ist der Mietendeckel ein wirksames Instrument, um Wohnungsnot und explodierende Mieten in Ballungszentren zu lindern? Der Berliner Mieterverein begrüßt den Mietendeckel ausdrücklich.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • explodierende Mieten wird er sicher hindern bzw. dämpfen. Aber das wird an der Wohnungsnot nichts ändern, weil das Angebot davon nicht größer wird, sondern der Zubau eher abnimmt.


    Schon ohne Mietendeckel ist die Rendite von Mietimmobilien aufgrund der stärker als die Mieten steigende Kauf und Baupreise gesunken.

  • Versteh ich nicht. Soll der Mietendeckel nicht nur für Wohnungen, vor 1914 erbaut, gelten?

    Warum stoppt man dann Neubauprojekte?




    Wenn Dich ein Laie nicht versteht, so heißt das noch lange nicht, dass du ein Fachmann bist.



    M.G.Wetrow

  • explodierende Mieten wird er sicher hindern bzw. dämpfen. Aber das wird an der Wohnungsnot nichts ändern, weil das Angebot davon nicht größer wird, sondern der Zubau eher abnimmt.

    Für bereits bestehende "Neubauten" (mit Fertigstellung ab 2014) und alle zukünftigen Fertigstellungen gelten die Kappungsregeln nicht!

    Versteh ich nicht. Soll der Mietendeckel nicht nur für Wohnungen, vor 1914 erbaut, gelten?

    ab 2014, s.o.!


    Die beiden im von Thomas T. verlinkten Artikel zitierten Wohnungsbaugenossenschaften argumentieren damit, dass ihnen durch Minderung der Erträge ihrer Bestandsobjekte das nötige Eigenkapital für die Finanzierung von Neubauten fehlt. Ich frage mich, oben eine derartige Gewinnerzielung bei Wohnungsbaugenossenschaften überhaupt zulässig ist, haben sie doch vor allem den Auftrag für ihre Genossen kostengünstigen Wohnraum vorzuhalten.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Ich frage mich, oben eine derartige Gewinnerzielung bei Wohnungsbaugenossenschaften überhaupt zulässig ist, haben sie doch vor allem den Auftrag für ihre Genossen kostengünstigen Wohnraum vorzuhalten.

    Warum sollten WBG keinen Gewinn machen dürfen, wen sie den einsetzen, um neue Wohnungen für Mitglieder zu finanzieren? Ich würde sogar behaupten, dass eine Genossenschaft dringend auf Gewinne angewiesen ist, um Neubauvorhaben zu finanzieren. Und die Gewinne fallen durch den Mietendeckel jetzt weg - ergo kann man sich keinen Neubau mehr leisten.


    Wohin unauskömmliche Mieten führen, ist mir noch gut in Erinnerung. Der Sozialismus hat vorgemacht, dass Kapitalvernichtung zum Untergang führt. Einfach mal Fotos der DDR gockeln, da kommt der Verfall wieder ins Bewusstsein.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Warum sollten WBG keinen Gewinn machen dürfen, wen sie den einsetzen, um neue Wohnungen für Mitglieder zu finanzieren? Ich würde sogar behaupten, dass eine Genossenschaft dringend auf Gewinne angewiesen ist, um Neubauvorhaben zu finanzieren. Und die Gewinne fallen durch den Mietendeckel jetzt weg - ergo kann man sich keinen Neubau mehr leisten.

    Bis 1989 mussten in Westdeutschland Wohnungsbaugenossenschaften gemeinnützig agieren und durften deshalb in den 70er und 80er Jahren des 20. Jhrdts nur einen sehr begrenzten Gewinn erwirtschaften, der ausschließlich für wieder gemeinnützige Neubauten verwendet werden durfte. Die genauen Vorgaben kenne ich nicht mehr. Diese Regelung wurde vor rd. 30 Jahren aufgehoben, so dass seither bei weiter bestehender formaler "Gemeinnützigkeit" größere Gewinne erwirtschaftet werden dürfen, ohne dass diese - anders als bei allen anderen Genossenschaften - direkt den Genossen zu Gute kommen müssen. Aber das hat nicht mehr viel mit der eigentlichen Frage zu tun.


    Bei den in Westdeutschland häufig anzutreffenden städtischen Wohnungsbaugesellschaften stellte sich die Frage so nicht, weil sie qua Gesetz gemeinnützig waren und trotzdem Gewinne aus Vermietung erwirtschaften durften. Ob sie das in nennenswertem Umfang getan haben, weiß ich nicht. In B wurden einige großen städtische Gesellschaften wie beispielsweise die GSW mit 64.000 WE Anfang der 2000er Jahre (GSW: 2004) privatisiert. Dies rief damals private Großinvestoren auf den Plan und war aus meiner Sicht ein großer Schaden für den städtischen Wohnungsmarkt in B.


    Ich frage mich, ob es nicht sinnvoll wäre, die Gewinne aus Wohnraumvermietung zu beschränken, so dass diese nicht mehr erheblich renditeträchtiger sein können, als andere Kapitalerträge. Genau dieser Umstand hat ja die Immobilienpreise in den Städten im letzten Jahrzehnt explodieren lassen.


    Die Argumentation aller Vermietergruppen "wenn wir mit dem Bestand nicht mehr genug Gewinn erwirtschaften können bauen wir nicht mehr neu!" geht an der Ausrichtung des Mietendeckels vorbei, denn die Mieten der bereits bestehenden und neu hinzukommenden Neubauten werden ja gerade nicht gedeckelt!

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Das ist echt eine Zwickmühle, aber ich bin geneigt zu sagen, dass ein Mietendeckel die Neubauten stark bremst, bedenkt man doch die Käufer und somit Vermieter, die bei den derzeitigen Immobilienpreisen ja auch tiefer in die Tasche greifen müssen und wer tut denn schon so einen Kauf tätigen, wenn er die Kosten nicht gedeckt kriegt? Andererseits muß Wohnraum bezahlbar bleiben; ich schau gelegentlich in die Zeitungen und stelle immer wieder fest, dass Mieten doch bezahlbar sind, wenn sie eben nicht in der Großstadt sind, ich würde dann dahin ausweichen, die Ansprüche alles zentral zu haben sind dann eben zu hoch und man sollte doch immer nur so, wie der Geldbeutel reicht. Wems reicht und solche hohen Mieten bezahlen will, dann ist das doch o.k.

    Grüßle

    Dachser




    Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt (Gandhi)


  • Wie sollen denn die Genossenschaften am Markt konkurrenzfähig bleiben ohne Neubau zu betreiben? Die Nachfrage ist da (auch unter "Alt"genossen) und will auch gestillt werden. Ohne Kapital aus der Vermietung der Bestände wären solche Projekte wohl kaum finanzierbar!


    Wichtig ist nur dass der Bestand auch bei parallelen Neubauten nach wie vor die Mittel / Ressourcen erhält (monetär und personell) wie davor...


    Und nur am Rande: Genossenschaften vermieten Ihre Neubauten tatsächlich zum Großteil im "sozialverträglichen" Niveau (wenn man die gebotene Leistung der aufgerufenen Miete mal gegenüberstellt).

  • Wie sollen denn die Genossenschaften am Markt konkurrenzfähig bleiben ... ?

    Worum muss ein Anbieter von Mietwohnraum in einer deutsche Großstadt mit Zuzug im Jahre 2019 konkurrieren?

    Genossenschaften vermieten Ihre Neubauten tatsächlich zum Großteil im "sozialverträglichen" Niveau (wenn man die gebotene Leistung der aufgerufenen Miete mal gegenüberstellt).

    Das möchte ich gerne glauben, die Argumentation im o.g. Artikel lässt aber auch an das Gegenteil denken.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Ich frage mich, ob es nicht sinnvoll wäre, die Gewinne aus Wohnraumvermietung zu beschränken, so dass diese nicht mehr erheblich renditeträchtiger sein können, als andere Kapitalerträge. Genau dieser Umstand hat ja die Immobilienpreise in den Städten im letzten Jahrzehnt explodieren lassen.


    Die Argumentation aller Vermietergruppen "wenn wir mit dem Bestand nicht mehr genug Gewinn erwirtschaften können bauen wir nicht mehr neu!" geht an der Ausrichtung des Mietendeckels vorbei, denn die Mieten der bereits bestehenden und neu hinzukommenden Neubauten werden ja gerade nicht gedeckelt!

    zu 1.: Was verstehst Du unter "anderen Kapitalerträgen"? Der DAX 30 hatte z.B. in den letzten 10 Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von über 9 %. Ein ETF-Fonds käme bis auf die paar abgezogenen Gebühren auf einen ähnlichen Wert. Davon dürften Wohnungsbaugenossenschaften träumen. (Bevor das Argument mit Festgeld nahe 0 % kommt: Vermietung ist nicht so risikolos wie Festgeld. Die Leerstände in Berlin und Umland in der Vergangenheit zeigen das.)


    zu 2.: Das liest sich fast wie eine angenommene Verschwörung der Vermieter zum Boykott. Warum sollten die Vermieter den Neubau einstellen, wenn sie überhaupt noch Gewinne machen würden? Die werden ihre Rücklagen dazu verwenden müssen, Verluste aus dem Mietendeckel auszugleichen. Es ist anscheinend schlicht kein Geld mehr da für den Neubau, jedenfalls bei den Genossenschaften aus dem Artikel.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • zu 1.: Was verstehst Du unter "anderen Kapitalerträgen"? Der DAX 30 hatte z.B. in den letzten 10 Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von über 9 %. Ein ETF-Fonds käme bis auf die paar abgezogenen Gebühren auf einen ähnlichen Wert. Davon dürften Wohnungsbaugenossenschaften träumen.

    Wie schon gesagt, habe ich mich nur über die Argumentation gewundert. Mit einem Marktanteil von aktuell zusammen knapp 12 % an den Mietwohnungen sind die Genossenschaften in Berlin sicher nicht die Marktteilnehmer, auf de man zuerst schauen sollte. Das sind die privaten in- und ausländischen Großeigentümer (größer Einzelanteil mit über 110.000 WE ist die "Dt. Wohnen") und sind die städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Und da Renditeerzielung satzungsgemäß nicht der Geschäftszweck von Genossenschaften ist, stellt sich bei ihnen die Frage nach der

    ... jährliche Rendite ...

    sowieso nicht - eigentlich. Denn,

    ... Genossenschaften vermieten Ihre Neubauten tatsächlich zum Großteil im "sozialverträglichen" Niveau (wenn man die gebotene Leistung der aufgerufenen Miete mal gegenüberstellt).

    zu 2.: Das liest sich fast wie eine angenommene Verschwörung der Vermieter zum Boykott.

    An Verschwörungen glaube ich nur sehr selten.


    Ich würde es eher "Koalition der privaten Vermieter" nennen. Und die ist ihnen auch nicht einmal ansatzweise vorzuwerfen, denn natürlich dürfen sie ihre ganz ähnlichen Interessen bündeln und diese gemeinsam öffentlich vertreten. Das tun ja die Mieterverbände ebenfalls. Und das tun die Vermieter z.B. mit großen Plakaten, in denen sie ganz offen die Einstellung der Bautätigkeit androhen. Insofern ist die "Koalition" offen sichtbar. Das liest sich natürlich martialisch. Man muss dazu aber auch sehen, dass in B momentan die Zahl der genehmigten Wohneinheiten um 50 % - 100 % höher liegt als die, der tatsächlich fertigstellten WE. Die Vermieter haben also schon länger noch mehrere Jahrefertigstellungsleistungen genehmigt in der Schublade - realisieren sie aber vorerst nicht. Weshalb eigentlich? Die Diskussion um den Mietpreisdeckel des letzten Jahres dürften es kaum sein ... Und der Deckel soll hier eh nicht gelten.

    Die werden ihre Rücklagen dazu verwenden müssen, Verluste aus dem Mietendeckel auszugleichen. Es ist anscheinend schlicht kein Geld mehr da für den Neubau, jedenfalls bei den Genossenschaften aus dem Artikel.

    Dann stellt sich die Frage nach der Seriosität der bisherigen Finanzierungen / Kalkulationen. Eine jährliche Mietpreissteigerung von 5 % im Mittel dürfte doch auch schon vor 2014 kaum Kalkulationsgrundlage gewesen sein?


    Und können wir sicher sein, dass sich das aktuelle Bevölkerungswachstum dauerhaft weiter fortsetzen wird? Die ersten Fragezeichen dazu sind schon zu lesen: Link dazu. In den vergangenen 30 Jahren verliefen in B die tatsächlichen Entwicklungen der Bevölkerung immer deutlich anders, als von den jeweils regierenden unterschiedlichen politischen Akteuren erwartet, immer!

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Man muss dazu aber auch sehen, dass in B momentan die Zahl der genehmigten Wohneinheiten um 50 % - 100 % höher liegt als die der fertigstellten WE. Die Vermieter haben also schon länger noch mehrere Jahrefertigstellungsleistungen genehmigt in der Schublade - realisieren sie aber nicht. Weshalb eigentlich? Der Mietpreisdeckel dürfte es kaum sein ...

    Das scheint eine Wellenbewegung zu sein. Mal mehr Genehmigungen, mal mehr Fertigstellungen. Außerdem scheinen sich Berliner Spekulationsobjekte auch als Baugenehmigungen zu verkaufen (die mit 28 T€/m² Kaufpreis dürften tatsächlich nicht vom Mietendeckel betroffen sein).


    Fertigstellungen in B 2018: hier

    genehmigte Wohnungen in B 01 bis 09-19: hier

    mehr hier


    Genossenschaften werden in der Vergangenheit kaum Bauvorhaben geplant und dann liegen gelassen haben. Das scheint sich jetzt zu ändern (oder mit Schabowski: "Das gilt ab sofort - unverzüglich!").

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Genossenschaften werden in der Vergangenheit kaum Bauvorhaben geplant und dann liegen gelassen haben.

    Nein, da sind wir uns einig. Das dürften die privaten Projektentwickler gewesen sein, nicht einmal die privaten Vermieter. Der Anteil der Mietwohnungen am Neubau dürfte eh nicht besonders hoch sein. Wer kann baut und verkauft doch möglichst kleinteilig, oder?

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Die Argumentation aller Vermietergruppen "wenn wir mit dem Bestand nicht mehr genug Gewinn erwirtschaften können bauen wir nicht mehr neu!" geht an der Ausrichtung des Mietendeckels vorbei, denn die Mieten der bereits bestehenden und neu hinzukommenden Neubauten werden ja gerade nicht gedeckelt!

    Vermieter sind ja nicht vollkommen verblödet - ist doch klar, dass die Neubauten in ein Paar Jahren ebenfalls vom Mietendeckel und einer Mietreduktion erfasst sein werden.

  • Was hindert denn die Stadt Berlin daran neue Wohnbaugenossenschaften zu gründen und Wohnungen für einen schmalen Taler zu bauen?

    Du musst immer einen Plan haben. Denn wenn Du keinen hast, dann wirst Du Teil eines anderen Planes...

  • Die beiden o.g. Genossenschaften scheinen keine typischen Wohnungsbaugenossenschaften zu sein. Das sieht mir eher nach einem Steuersparmodell unter dem Mantel des Genossenschaftsgesetzes aus und die Boulevardpresse greift jede Meldung über den Untergang des Abendlandes gern auf.


    Bei uns jedenfalls benötigen Wohnungsgenossenschaften nicht extraordinäre Gewinne aus dem Bestand, um zu investieren. Solange das Geld so billig ist, ist die Begrenzung nur das baureife Land und die Kapazität der Bauunternehmen.




    Wenn Dich ein Laie nicht versteht, so heißt das noch lange nicht, dass du ein Fachmann bist.



    M.G.Wetrow

  • Was hindert denn die Stadt Berlin daran neue Wohnbaugenossenschaften zu gründen und Wohnungen für einen schmalen Taler zu bauen?e

    An Wohnungsbaugenossenschaften herrscht in Berlin kein Mangel und die investieren auch kräftig. Skeptiker wird das bestätigen können. Wozu also weitere gründen?

    Nur weil eine Panikmeldung losgelassen wird?




    Wenn Dich ein Laie nicht versteht, so heißt das noch lange nicht, dass du ein Fachmann bist.



    M.G.Wetrow

  • Bei den gegenwärtigen Bau- und Grundstückskosten darf man hinter das Thema Vermietung und Rendite schon mal ein Fragezeichen setzen, häufig wird eine Wertsteigerung, mindestens aber ein Werterhalt schon implizit eingerechnet, damit die Rechnung über einen Zeitraum von 20 Jahren noch aufgeht.


    Die Deckelung von Mieten ändert daran nichts, allerdings schont sie natürlich den Geldbeutel derjenigen, die jetzt schon eine Wohnung haben. Wer eine Wohnung sucht, hat immer noch die A-Karte, nur dass die Vermieter eben nicht nach Miethöhe, sondern nach Bonität und Sozialstatus auswählen. Schon in der Bibel steht: Wer hat, dem wird gegeben. So auch hier: dadurch, dass der Bestand eingefroren wird, sind diejenigen mit Wohnung immer besser dran, als diejenigen, die eine suchen.

    Klar: alle Welt würde gerne für schmales Geld in den angesagten Stadtteilen leben, aber darauf gibt es meiner Meinung nach kein grundsätzliches Anrecht. Wenn die Stadt die Immobilienspekulation wirksam unterbinden wollte, würde sie mit einer städtischen Wohnungsgesellschaft auftreten, die zwei Dinge tut:

    1. Massiv in den sozialen Wohnungsbau investieren und nachverdichten, dann kann sie nämlich auch die Mieterauswahl nach sozialen Gesichtspunkten vornehmen und eine gewisse soziale Durchmischung der Stadtteile fördern.

    2. Konsequent das Vorkaufsrecht ausüben um Punkt 1 auch im Bestand zu befördern.

    Für beides bräuchte man Geld, das hat Berlin nicht. So holt man es sich halt bei den Vermietern, wo bei das besonders die Kleinvermieter treffen dürfte. Am Grundproblem, nämlich, dass zu wenig Wohnraum zur Verfügung steht, ändert es aber nichts.


    Das Problem der institutionellen Investoren ist in Berlin, wie auch in München bekannt: ein Häuserblock befindet sich in Privateigentum seit Jahrzehnten und soll nun verkauft werden. Viele der Mieter würden natürlich gerne eine Wohnung kaufen, aber der Vermieter will sich die Aufteilung in WEG und anschließenden Einzelverkauf aus organisatorischen und steuerlichen Gründen nicht antun. So verkauft er das gesamte Haus "im Block" für 30 Mio, das wiederum kann nur ein großer Investor aufbringen, der dann aber auch Renditeerwartungen umsetzen will. Damit kommt ohne Neubau ein starker Mieterhöhungsdruck in den Markt.

    Im Grunde müsste die Stadt an diesen Stellen so lange per Vorkauf in die Bresche springen, bis sie ein marktrelevantes Gewicht um die Angebotspreise auf ein sozial verträgliches Maß einzupendeln.

    The avoidance of taxes is the only intellectual pursuit that still carries any reward.
    - John Maynard Keynes -

  • Was hindert denn die Stadt Berlin daran neue Wohnbaugenossenschaften zu gründen und Wohnungen für einen schmalen Taler zu bauen?

    Nur damit klar ist, worüber wir schreiben: "Wohnungsbaugenossenschaften" sind etwas anderes als "Wohnungsbaugesellschaften" und sie gehören immer ihren Genossen, nicht Gebietskörperschaften / Gemeinden.


    In Berlin bestehen mehrere große landeseigene Wohnungsunternehmen. Und die bauen auch nach Kräften neue Wohnungen zu tendenziell niedrigen Mieten. Es gibt nur immer weniger freie Grundstücke und die werden immer teurer. Und Wohnbauförderung für Bedürftige funktioniert in D schon lange nur noch marginal über Objektförderung, weil deren Probleme wie bei der "Neuen Heimat" vermieden werden sollten.

    Wenn die Stadt die Immobilienspekulation wirksam unterbinden wollte, würde sie mit einer städtischen Wohnungsgesellschaft auftreten, die zwei Dinge tut:

    1. Massiv in den sozialen Wohnungsbau investieren und nachverdichten, dann kann sie nämlich auch die Mieterauswahl nach sozialen Gesichtspunkten vornehmen und eine gewisse soziale Durchmischung der Stadtteile fördern.

    2. Konsequent das Vorkaufsrecht ausüben um Punkt 1 auch im Bestand zu befördern.


    Für beides bräuchte man Geld, das hat Berlin nicht. So holt man es sich halt bei den Vermietern, wo bei das besonders die Kleinvermieter treffen dürfte. Am Grundproblem, nämlich, dass zu wenig Wohnraum zur Verfügung steht, ändert es aber nichts.

    Völlig richtig. Und genau das beides tut das Land Berlin, ersteres z.B. perspektivisch durch Landerwerb, letzteres vor allem im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain der zuständige Baustadtrat Florian Schmidt, der sich dafür heftigste Anfeindungen (nicht nur) der Springermedien und der privaten Grundeigentümer gefallen lassen muss.


    Und Berlin ist wirklich immer noch (ziemlich) arm. aber irgendwie nicht mehr so sexy ...

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Die beiden o.g. Genossenschaften scheinen keine typischen Wohnungsbaugenossenschaften zu sein. Das sieht mir eher nach einem Steuersparmodell unter dem Mantel des Genossenschaftsgesetzes aus und die Boulevardpresse greift jede Meldung über den Untergang des Abendlandes gern auf.

    Verschwörungstheorie? Hier etwas zum Bwv zu Köpenick. Wenn das keine typische WBG ist, was wären dann Deine Kriterien?

    An Wohnungsbaugenossenschaften herrscht in Berlin kein Mangel und die investieren auch kräftig.

    Ab jetzt offensichtlich nicht mehr alle.

    Der Anteil der Mietwohnungen am Neubau dürfte eh nicht besonders hoch sein.

    Du irrst. 2018 gab es alleine ca. 10.500 von der IBB geförderte Mietwohnungen, siehe hier, S. 50. Am gesamten Zuwachs an Wohnungen von knapp 17.000 Wohnungen ist das schon der Löwenanteil. Dazu kommen noch die ungeförderten Mietwohnungen. Dazu konnte ich auf die schnelle keine Zahl finden.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Du irrst. 2018 gab es alleine ca. 10.500 von der IBB geförderte Mietwohnungen, siehe hier, S. 50.

    Da hätte ich mich gerne geirrt, Aber das sind doch (nur) die Bewilligungen! Bis Ende 2018 wurden - wenn ich es richtig verstehe - seit 2014 ingesamt für 10.000 WE Förderungen bewilligt, also im Mittel 2.000 / Jahr, davon aber erst 17,5 % fertiggestellt, also keine 1.750 WE oder umgerechnet 350 / Jahr. Das sind bei den 17.000 fertiggestellten WE / Jahr an Anteil von 2 %. (Dabei bin ich vereinfacht von einer gleichmäßigen Verteilung ausgegangen, die so sicher nicht stimmt, aber ich wollte die Größenordnung betrachten.)


    Auf Seite 77 Deines Links lässt sich sehr schön der aktuelle "Bauüberhang" von rd. 20.000 WE erkennen, also von 118 % der Jahresfertigstellungsmenge.


    Ach, und noch etwas: Die 17.000 fertiggestellten WE sind alle und davon wird nur ein Teil vermietet werden, etliche werden auch von den Eigentümern selbst genutzt. Und: Nicht alle genehmigten WE führen zu einer Erhöhung des Wohnungsbestandes, da auch Zusammenlegungen bestehender Wohnungen mitgezählt werden.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Und genau das beides tut das Land Berlin, ersteres z.B. perspektivisch durch Landerwerb, letzteres vor allem im Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain der zuständige Baustadtrat Florian Schmidt, der sich dafür heftigste Anfeindungen (nicht nur) der Springermedien und der privaten Grundeigentümer gefallen lassen muss.

    Mit besonderen Anstrengungen beim Neubau ist das Land Berlin in den letzten Jahren nicht aufgefallen. Landerwerb ist dringend notwendig, aber Berlin braucht auch noch Geld und den Willen, das zu bebauen. Statt dessen werden Vorkaufsrechte mit schwindelerregenden Summen ausgeübt.


    Zum genannten Baustadtrat:


    Die undurchsichtigen Geschäfte des Florian Schmidt



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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Aber das sind doch (nur) die Bewilligungen!

    Haste recht. Trotzdem werden wohl die bewilligten gebaut. Zitat: "Demnach kann in 2019 mit weiteren fertiggestellten Wohnungen aus den Bewilligungsjahren 2016 und 2017 gerechnet werden."

    Bis Ende 2018 wurden - wenn ich es richtig verstehe - seit 2014 ingesamt für 10.000 WE Förderungen bewilligt,

    Ich lese die Jahresbalken als Bewilligungen für das genannte Jahr.

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Ich lese die Jahresbalken als Bewilligungen für das genannte Jahr.

    Ja, aber hier interessieren doch in diesem Zusammenhang nur die orangefarbenen Balken der Tabelle auf Seite 50 unten, denn nur diese haben (schon seit Genehmigung) eine Mietpreis- und Belegungsbindung! Und die summieren sich auch ziemlich genau auf die im Begleittext genanten rd. 10.000 Wohnungen (absolut) auf.

    Ich habe nicht geschrieben, dass ich Florian Schmidt persönlich schätze. Ganz im Gegenteil, sein Tweet zu unserem ganzen Berufsstand ließ auch mich auf große innere Distanz zu dem Mann gehen - wenn ich auch (leider) sicher viel zu unwichtig bin, um dort gemeint zu sein und auch, wenn ich bei der Kommunalwahl die Partei, die er vertritt, in der engeren Wahl hatte.


    Dennoch halte ich ihn bei aller Energie, die er als studierter Soziologe für bezahlbare Mieten für Leute mit geringem Einkommen an den Tag legt, und trotz fragwürdiger Äußerungen wie der oben, nach einigen persönlichen Beobachtungen für integer genug, um sich nicht selbst zu bereichern oder Günstlingswirtschaft zu betreiben. Aber man weiß es nicht ...


    Dass auf der anderen Seite der Tagesspiegel in Florian Schmidt wieder auf ein Feindbild getroffen ist, wie es zuletzt vor 20 Jahren in der früheren Frontstadt des Westens mitten im Sozialismus unter den Lesern des TSP üblich war, ist für beide Seiten sicherlich ein fruchtbarer Umstand, den sie eher pflegen als bedauern, als Täter, wie als Opfer. Auch sonst gibt es etliche Prominente, die sich an F. Schmidt abarbeiten. Ich selbst beobachte ihn eher mit neutral distanziertem Interesse. Ja, das riecht etwas nach Sozialismus (wie in Wien) und ja, das kostet alles Geld, sogar viel Geld. Aber die Wohnungsbauförderung in D hat schon immer Milliarden verschlungen und ein sehr großer Teil des Geldes kam dabei am Ende nicht direkt den Bedürftigen zugute, sondern mehrte die Rendite der Eigentümer und der Bauunternehmer.


    Und als das Land Berlin 2004 unter Finanzsenator Thilo Sarrazin die 64.000 Wohnungen der GSW für 405 Mio € verkaufte, waren die anderen Bundesländer voll des Lobes, dass Berlin endlich ein klein wenig zum Schuldenabbau beiträgt, wenn auch zuwenig. Die öffentlich auftretenden Kritiker und Mahner wurden damals ob der vermeintlich offensichtlichen Alternativlosigkeit ausgelacht. Der Verkaufserlös aus diesem Deal lag seinerzeit statistisch im arithmetischen Mittel bei lächerlich 6.300 € für Wohnungen mit 60 m2, also bei rd. 100 € / m2. Schon damals hätte ich freiwillig, gerne und immer noch sehr, sehr günstige 2.000 € / m2 gezahlt, für eine Einheit natürlich nur, für eine größere von 100 m2 oder mehr. Heute wird Florian Schmidt für vergleichsweise überschaubare Beträge von genau den Medien kritisiert, die Thilo Sarrazin noch nie vorgehalten haben, dass er die GSW, also das Vermögen aller Berliner Bürgerinnen und Bürger, die letztlich aus der Tasche von den damaligen Mietern stammenden Steuereinnahmen der 1920er und 30er Jahre aus der Hauszinssteuer für nur ein Zwanzigstel (!!!) ihres aktuellen Marktwertes bzw. um sagenhafte 95 % zu billig oder absolut um 9,5 Mrd. € zu wenig (!!!) verschleudert hat. Pro Bürgerin und Bürger waren das sagenhafte 2.800 € zu wenig, ja, wirklich zu wenig! Ich könnte heute noch <x wenn ich davon schreibe.


    In jedem Fall lohnt es sich deshalb, die Geschichte der Wohnungsbauförderung in D nachzulesen, um eine der Ursachen der heutigen Probleme in deren weitgehender Abschaffung in Westdeutschland um 1990 erkennen zu können und eine weitere Ursache in der kurzsichtigen und unüberlegten Privatisierung vor 15 Jahren. (Wer genauer hinschaut wird interessiert lesen, wer noch daran beteiligt war ..., die HSH-Nordbank z.B., siehe die obige Pressemitteilung von 2004!)

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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    3 Mal editiert, zuletzt von Skeptiker () aus folgendem Grund: erhebliche wütende Ergänzungen

  • Hier ein paar Transparente von einer Baustelle eines der ganz grossen Projektentwickler und privaten Vermieter in B.



    Dahinter steht in der zweiten Reihe der Berliner Landesverband des Bundesverbandes der freien Immobilen- und Wohnungsunternehmen (BDW).


    (Amüsant finde ich, dass dieser Eigentümer auf seine eigentliche Baugenehmigung keine drei Monate gewartet hat. Allerdings hat es Jahre gedauert, bis für das Projekt ein Architektenwettbewerb, eine Entwurfsüberarbeitung und die Anwohnerbeteiligung abgeschlossen waren. Es entstanden hierlt. Projektveröffentlichung (Ergänzungen in Klammern von mir):


    263 Eigentumswohnungen

    344 Mietwohnungen

    158 geförderte Wohnungen (als Schallschutzwand entlang einer Fernbahnstrecke)

    266 Mikroapartments (20 m2 / Einheit)


    Der geschäftsführende Gesellschafter dieses Unternehmens ist gleichzeitig auch Vorsitzender des BDW.)

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • 263 Eigentumswohnungen

    344 Mietwohnungen

    158 geförderte Wohnungen (als Schallschutzwand entlang einer Fernbahnstrecke)

    266 Mikroapartments (20 m2 / Einheit)

    Falls die Zahlen die Summe der aller Wohnungen sind und ich unterstelle, dass die Mikroappartements auch vermietet werden, ergeben sich 263 Eigentumswohnungen zu 768 Mietwohnungen, also ca. 75 % Mietwohnungen. Ist doch eine ordentliche Quote?

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    Gruß aus Oranienburg
    Thomas

  • Falls die Zahlen die Summe der aller Wohnungen sind und ich unterstelle, dass die Mikroappartements auch vermietet werden, ergeben sich 263 Eigentumswohnungen zu 768 Mietwohnungen, also ca. 75 % Mietwohnungen. Ist doch eine ordentliche Quote?

    Die Mikroapartments werden definitiv verkauft (sorry, sind verkauft). Was ja nicht zwingend heißt, dass sie nicht vermietet werden. Das gilt natürlich auch für die ETW.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Vielleicht wäre ein gangbarer Weg, wenn man für Neubauten eine Quote einführen würde, dass immer ein gewisser Prozentsatz geförderter Wohnbau sein muss, so ähnlich wie in New York (da ist es eher bezahlbarer Wohnraum, gefördert wird da ja nix).

    Du musst immer einen Plan haben. Denn wenn Du keinen hast, dann wirst Du Teil eines anderen Planes...