Braucht man dafür einen Architekten? Muss ich dafür ein Honorar nach HOAI bezahlen oder geht das auch günstiger?

  • Diese Fragen werden immer wieder gestellt. Als Antwort ein Beispiel aus meinem Büroalltag:


    Zufällig lernte ich bei einer semi-privaten Veranstaltung einen Mitarbeiter einer Einrichtung der Jugendhilfe unserer Stadt kennen. Er suchte Unterstützung beim Bau eines Gewächshauses. Das sollte errichtet werden, damit darin behinderte Menschen und / oder Auszubildende Gemüse und Kräuter für die Verarbeitung im auch zur Einrichtung gehörenden Inklusionshotel ziehen können. Es gab Schwierigkeiten, denn die zuständige Baubehörde verlangte einen Bauantrag (genaugenommen nur die Stufe darunter, also in B eine "Freistellung".) Das Gewächshaus war schon ausgesucht, der Errichter wollte aber die Beantragung nicht übernehmen. Der Träger benötigte also vor allem formale Hilfe, wie es schien und wir als quasi-Nachbarn konnten ihm helfen.


    Erstes geschäftliches Treffen: Klärung der erforderlichen Leistungen, Gebäudeklasse 1, Bebauungsplan ist zu beachten, Bauordnung, Arbeitsschutz, Brandschutz banal ... alles nicht wild. Also Angebot und Auftrag für die Grundleistungen der LP 1 - 4 nach HOAI. Behördentermine, alles easy. Doch halt: Es gibt keine Typen-Statik für das Typengewächshaus. Hersteller: Unsinn, brauchen wir nirgends in D, auch in B nicht: BauO B: Gehört zur Bauvorlage! Und Statiker muss unterschreiben, dass sie den öffentlich rechtlichen Vorgaben entspricht! Wirklich? Wirklich!


    Nach 6 Wochen war die Statik da, die Fundamente waren plötzlich 8 x so groß, die Binder doppelt so dick und das Gewächshaus rd. 50 % teurer ... angeblich weil der Wind und der Boden so anders sind in B! ???? Doch, doch, sonst könne man immer dünner und leichter bauen ... Immerhin, die Unterschrift eines echten Statikers liegt vor. Der Bauherr glaubte die Geschichte mit dem ungewöhnlichen Boden und dem starken Wird (mitten im Wald!) sogar.


    Nur der amtliche Lageplan fehlt noch ... wird ja schnell gehen! Nein, geht es nicht. Der Vermesser stellt nämlich fest, dass die seit mind. 20 Jahren auf die zu bebauende Fläche führende Zufahrt nach dem extra für dieses Gelände vor ca. 15 Jahren aufgestellten Bebauungsplan genau dort nicht zulässig ist. Dies ergab sich nur rein textlich aus einer Fussnote zum B-Plan. Nicht schön. Ich hatte es übersehen. Was sagt die Bauaufsicht? Nichts, fragen Sie bitte die Kollegen vom Naturschutzamt" Wenn die einverstanden sind, würde eine Befreiung zulässig! Wir schicken Pläne und Fotos, erläutern schriftlich, dass für die zulässige Wegeführung zusätzliche Bäume gefällt und ein gemauerter Bachofen abgerissen werden müssten. Die Kollegen vom anderen Amt schauen sich das 7 Wochen später unangemeldet an, der Amtsleiter stimmt nach einer weiteren Bedenkzeit zu und schließlich kommt das Signal: Ja, Sie können die Freistellung und und die Befreiung vom B-Plan mit Aussicht auf Erfolg beantragen.


    Wir machen das, inklusive Brandschutzgutachten, Betriebsbeschreibung und Arbeitsschutzbewertung. Wir müssen nur noch einmal schriftlich erklären, was unter einem "Steinlager" zu verstehen ist und welche genauen Arbeitsabläufe im Gewächshaus zu erwarten sind. haben genau ein Jahr nach dem ersten Kontakt den Freistellungsbescheid. Erfreulicherweise wird er so datiert, dass er gebührenfrei erteilt wird, inzwischen kosten diese dank einer Gesetzesänderung nämlich für gemeinnützige Antragsteller nichts mehr. Na da wartet man doch gerne eine Woche länger ...


    Was folgt: Noch einmal Budgetberatungen beim Bauherrn und dann die Bitte, die Ausführungspläne für die Fundamente und Heizungen, die örtliche Bauleitung und die Abrechnung zu übernehmen. Diesmal ein Angebot über Teilleistungen der Grundleistungen der LP 5 - 8 nach HOAI, Diskussion über Fahrtkosten, Auftragserteilung am Tag vor der Anlaufbesprechung auf der Baustelle.


    Anlaufbesprechung: Der Gewächshausbauer hat Terminsorgen, andere auch. Es zeigt sich, dass der Heizungsbau alles andere als trivial ist und diverse Schnittstellen und Details der Eigenleistungen durch die Azubis zu klären sind. Das hätte der Bauherrenvertreter allein nicht hinbekommen. Er benötigte spätestens hierbei also wirklich fachliche Hilfe. Bei der Aufstellung des Terminplanes wird mir klar, dass die Eigenleistungen 2 Tage nach Planaufstellung beginnen müssen. Damit beginnt ganz plötzlich auch schon die Bauleitung und deren Unterabschnitt "Psychologie", denn auf einmal passen die Heizungen nicht mehr zum Gewächshaus, die Fundamente waren angeblich nicht kalkuliert, der normale Erdbohrer des Gewächshausbauers ist zu klein, die Heizungen brauchen auch Fundamente, die Schornsteine sind vom Gewächshausbauer unsinnig angeboten, alle Medien außer Abwasser sind über 200 m in Eigenleistung heranzuführen. Wir zeichnen jetzt also tatsächlich Ausführungspläne für ein Typengewächshaus und vor allem dessen Heizungsanlage und diskutieren den Terminplan mehrfach mit allen Beteiligten und helfen, den günstigsten Beton für die Fundamente zu finden. Für die Punktfundamente (machen wir wie immer!) braucht es sogar einen Ablaufplan in 7 Schritten bis alle genau verstanden haben, was sie wann tun sollen.


    Drei Tage vor der Anlieferung der Teile des Gewächshauses war Vermesser immer noch nicht da. Der ist doch schon seit 6 Wochen beauftragt! "Haben wir leider übersehen. Wann brauchen Sie uns? Morgen früh? Okay, wir kommen heute noch!"


    Eine knappe Woche später kommt dann der Aufbau und der Montageleiter geht nach wenigen Stunden in Streik, weil ... die Helfer angeblich nicht gut genug sind und ... banale technische Probleme werden für Verzögerungen vorgeschoben, obwohl der Terminplan offensichtlich eingehalten wird. Vom Chef kommen aus der Ferne Nachtragsangebote über zusätzliche Monteure, Leistungen ... Der Bauherrenvertreter wird nervös. Ob man nicht doch lieber beauftragen solle? Ich beruhige ihn und schicke in seinem Namen Mails in die Welt. Am 2. Montagetag Krise des Montageleiters: "Wir werden nicht fertig, nächste Woche bin ich in ... " Ich versuche ihn zu beruhigen und formuliere bereits eine juristisch klare Mail an den Chef. Am Ende ist der Bauherrenvertreter (Soz.-Päd.) auf ganz andere Weise erfolgreich: "Der Mann hatte nur Angst. Ich habe ihm gesagt, er sei gut und er schafft das mit uns, wir glauben an ihn und werden ihn alle dabei kräftig unterstützen." Tatsächlich, das hat geholfen. Der Mann hört auf innerlich zu schlottern. Respekt! Wieder was gelernt!


    Nach 8 Montagetagen steht jetzt das Gewächshaus, der Rest kommt in den nächsten Wochen noch. Vom ersten Gespräch mit mir bis zur Inbetriebnahme der Heizung wird es dann 20 Monate gedauert haben - ohne dass es nennenswerte Verzögerungen bei einem der Beteiligten gegeben hätte.


    Braucht man dafür einen Architekten? Für den Freistellungsantrag schon formal ja, für den Rest: Nein, aber er hilft ganz erheblich. Hier hat er jedenfalls geholfen. Der Bauherr hätte mind. die anderthalbfache Zeit meines Einsatzes zusätzlich gebraucht, um sich überall durchzufragen. Da nur Teile der Ausführungsplanung, keine Ausschreibung und wenig Mitwirkung bei der Vergabe erforderlich waren, kam ich mit ungefähr 80 % des Honorars für alle Grundleistungen nach HOAI für diese Honorarzone aus. Dafür waren aber Fahrtkosten fällig da 20 km Entfernung zur Baustelle, die pro Termin abgerechnet wurden und vorher vereinbart waren.


    So sieht das fertige Gewächshaus aus



    und so lief der Bau



    Die Feuerungsanlagen folgen noch, die Bodenauffüllung innen ebenso.

    mit Gruß aus Berlin, der Skeptiker


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  • Da könnte ich eine Menge Tomaten anpflanzen, aber auf meine Terrasse passt das Teil schon einmal nicht.

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