Hinweispflicht eines Handwerkers - Wann endet Sie?

  • Moin Moin,


    angeregt aus einer Diskussion auf dem Fratzenbuch möchte ich gerne mal Eure Meinung - inbesondere @Ralf Wortmann und @Eric - erfahren. Kurz zur Situation:


    Dachhandwerker dichtet einen zu sanierenden Balkon ab, mit bituminöser Abdichtung - direkt beauftragt von dem Kunden, kein Vorliegen eines Planers/ Bauüberwachung. Der Dachhandwerker versäumt es eine rechtsgeschäftliche Abnahme zu machen. Weitere Gewerke, konkret der Metallbauer und Estrichleger bauen auf die Abdichtung auf.


    Nun stellt es sich so dar, dass der Metallbauer das Geländer direkt durch die Abdichtung bohrt und der Estrichleger den Estrich drauf kippt. Jetzt zeigen sich bei dem Kunden Undichtigkeiten - da die Abdichtung ja perforiert wurde.


    Für mich stellen sich jetzt mehrere Fragen, zu einem:


    - Wird das Werk abgenommen, wenn das weitere Gewerk auf das vorliegende aufbaut? Oder müsste der Dachhandwerker hier im Nachgang noch eine Abnahmen machen?


    - Schuldet der Dachhandwerker Gesamtschuldnerisch dem Kunden den Erfolg, also die Benutzbarkeit des Balkons bez. seiner Abdichtung?


    - Hätte er im Vorfeld seiner Hinweispflicht nachkommen müssen?


    Klar man kann jetzt sagen, was hat der Dachhandwerker mit Nachfolgegewerken zu tun. Mir will aber nicht so sehr einleuchten, dass man die Abdichtung in dem Kontext so isoliert sehen kann. Ein Balkon kann weder ohne Geländer noch ohne Belag auskommen. Ist man da als Fachperson nicht in der Pflicht auch mal über den Tellerrand blicken zu müssen als stumpf sein Gewerk zu sehen?


    Ergibt sich dahingehend überhaupt eine Pflicht? Alles was ich bis jetzt dazu gelesen habe schließt das zwar nicht aus, dass es so ist, aber ist dort auch nicht wirklich eindeutig. Wat sagt ihr?


    LG

    Dachdecker [ˈdaχˌdɛkɐ] - Jemand der basierend auf ungenauen Daten, die von Leuten mit fragwürdigem Wissen zur Verfügung gestellt werden, präzise Rätselraten kann. Siehe auch; Zauberer, Magier

    * Administrative oder moderative Beiträge in rot

  • 1. Wenn der AG den Werklohn vollständig bezahlt hat, hat er konkludent abgenommen. Wenn nein, könnte man in der Freigabe des Baklons zum Weiterbau der Nachgewerke eine konkludente Abnahme sehen ( zweifelhaft ).


    2. Der DDM schuldet grundsätzlich nur den Erfolg seiner Leistung, also der Abdichtung, und nicht den Erfolg der Leistungen der nachfolgenden Handwerker, die - jedenfalls der Schlosser - offensichtlich grob fehlerhaft gearbeitet haben.


    3. Hinweispflichten bestehen grundsätzlich nur in Bezug auf vorausgehende Gewerke, soweit diese für das Gelingen des eigenen Gewerks oder den Gesamterfolg von Bedeutung sind, und für das eigene Gewerk. Hier könnte man allerdings an die Verletzung einer Beratungspflich denken, da der DDM wußte, dass ein Balkon mit zwingend erforderlichem Geländer erstellt werden sollte, der AG keinen Fachmann an der Seite hatte und bereits für die Abdichtung zu klären war, wo und wie das Geländer zu befestigen ist, es sei denn es gab eine naheliegende Befestigungsmöglichkeit, die die Abdichtung nicht tangiert hätte ( z.B. " Schwanenhals ). Der DDM würde auch dann haften, wenn die bereits ausgeführte Abdichtung überhaupt keine Möglichkeit für eine ordnungsgemäße Befestigung des Geländers mehr bot.

  • Der DDM würde auch dann haften, wenn die bereits ausgeführte Abdichtung überhaupt keine Möglichkeit für eine ordnungsgemäße Befestigung des Geländers mehr bot.

    Wie muss man das verstehen? Wenn quasi die Schwanenhalskonstruktion nicht möglich wäre und es quasi nur durch die Abdichtung geht - dann hätte der Dachhandwerker in diesem Fall das erkennen müssen und seine Abdichtung um das Abdichten des Geländers ergänzen müssen?


    Wer haftet hier jetzt eigentlich für die falsche Koordinierung. Ich meine die Abdichtung ist ja mit Estrich überbaut, was die Kosten ja deutlich höher werden lässt, als wäre er nicht da gewesen. Muss das der Dachhandwerker dann auch zahlen oder gliedert man das hier dann auf? Da müsste der AG ja eigentlich alle in die Pflicht nehmen, was zumindestens aus meiner Laiensicht nicht zielführend wirkt. Kommt es dann hier zur gesamtschuldnerischen Haftung?

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  • Na ja, Kalle...
    Abnahme nach Fertigstellung oder Teilfertigstellung ist schon wichtig.
    Wir lassen z.B. Bade- Brausewannen immer teilabnehmen, weil Folgegewerke wie Fliesenleger, Maurer, Maler usw. Schaden anrichten koennen.
    Da hat man schon Mal die Brille auf...


    @Eric war eher da und hat das juristisch wunderbar erklärt.

  • Mir musste das nicht sagen. Das Beispiel stammt nicht aus einer Erfahrung Meinerseits. Meine Devise war schon immer wer schreibt der bleibt. Ich hätte in diesem Fall auch im Auftrag oder separat über die Erfordernis eines Geländers informiert. Weil so ein Schreiben vielleicht 5 Min. dauert am Ende aber n heiden Geld sparen kann.


    Trotzdem oder gerade deswegen möchte ich auch die Juristerei dahinter verstehen wollen.

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  • Das wird für die meisten von uns wohl schwierig, vor Gericht und auf hoher See...
    Du weißt doch, das Richter manchmal, aber auch nur manchmal ihre eigene Sicht der Dinge haben...
    Aber @Eric hat's schon sehr verständlich beschrieben.

  • Kommt Eric nicht zum Thread kommt der Thread halt zu Eric *g*
    Ich kenne den Thread und grübel da auch die ganze Zeit mit rum.
    In der Dachdeckergruppe fehlt echt ein kompetenter Jurist...
    Gut das wir hier sowas haben :)

  • Ist nicht ganz ohne das Thema, ohne Abnahme... aber der Verursacher des Schadens steht doch eigentlich fest. Oft genug weiß der Kunde noch nicht, welcher Schlosser das Geländer baut, bzw. die Schlosser, mit denen ich so zu tun habe sagen immer: erst den Belag, dann komme ich zum messen, vorher macht keinen Sinn. Mir fällt jetzt aber auf die Schnelle auch kein Balkon/Konstruktion ein, wo man unbedingt das Geländer durch die Abdichtung befestigen muß.

  • Ja aber mal ehrlich Chris, in wie vielen Fällen wird der Metallbauer gerufen und in wie vielen Fällen der DD? Wer ist da wohl öfter in der Schussbahn.

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  • 1. Zur Abnahme hatte ich nur Stellung genommen wegen dieser Frage:



    Zitat von Kalle

    Wird das Werk abgenommen, wenn das weitere Gewerk auf das vorliegende aufbaut? Oder müsste der Dachhandwerker hier im Nachgang noch eine Abnahmen machen?

    Für die Frage, ob der DDM haftet, spielt die Abnahme aber keine Rolle. Denn der Unternehmer haftet ja auch nach der Abnahme und zwar auch für solche Mängel, die bereits vor Abnahme vorhanden waren und dem BH in diesem Zeitpunkt nicht positiv bekannt waren oder infolge grober Fahrlässigkeit unbekannt geblieben sind. Selbst im letzteren Fall entfällt nur der Nachbesserungsanspruch, dem BH verbleibt aber ein ggfls. ein Schadensersatzanspruch, es sei denn er hat auch hierauf verzichtet.


    2. Hinweispflichten sind von Beratungspflichten zu unterscheiden:


    Verletzt der Unternehmer Hinweispflichten, dann kann er sich für den entstandenen Mangel nicht exkupieren. Er haftet also für den Mangel. Merke: § 4 Abs. 3 [definition=48,0]VOB[/definition]/B ( direkt oder analog ) ist keine Anspruchsgrundlage, sondern eine Enthaftungsregelung.


    Folgendes Beispiel soll das verdeutlichen:


    Der Trockenbauer hat den Auftrag, dass neu gedämmte Dachgeschoß mit raumseitigem Gipskarton zu verkleiden. Die Dampfbremse hat er nicht im Auftrag. Als er an die Baustelle kommt, ist die Dampfbremse noch nicht vorhanden oder sie ist auf bloße Sicht fehlerhaft angebracht.


    Folge: Der Trockenbauer muß auf den BH auf die fehlende/mangelhafte Dampfbremse hinweisen und darf seine Arbeiten nicht ausführen. Er ist bis zur Entscheidung des BH ( Nachholung/Nachbesserung ) an der Ausführung behindert, hat auf die Behinderung hinzuweisen und erhält für die Dauer der Behinderung ggfls. eine Entschädigung.


    Verletzt er die Hinweispflicht, wird sein Gewerk aufgrund des mangelhaften Vorgewerks ( Dampfbremse ) ebenfalls mangelhaft; es wird durch den Mangel des Vorgewerks infiziert. Denn die angebrachte Verkleidung muß wieder entfernt werden und nach Nachrüstung der Dampfbremse wieder angebracht werden. Auf die fehlerhafte Vorleistung kann er sich nicht berufen, weil er seiner Hinweispflicht nicht nachgekommen ist.


    3. Hier ist die Geländeranbringung mangelhaft. Der Schlosser hätte sein Geländer nicht auf und durch die Abdichtung befestigen dürfen. Er haftet also auf Schadenersatz für die Beschädigung und für die entstandene Durchfeuchtung im Gebäude. Der Estrichleger haftet wegen Verletzung von Hinweispflichten, wenn er hätte erkennen können und müssen, dass die Geländerbefestigung nicht fachgerecht ist ( wird wohl so sein, da Direktbestigungen auf und durch die Abdichtung nicht funktionieren können ). Der DDM haftet, wenn er von Anfang an hätte sehen müssen, dass dem Geländerbauer aufgrund der Örtlichlkeiten keine fachgerechte andere Befestigung verbleibt.


    Nur der Schlosser haftet, wenn er das Geländer auch anders hätte bestigen können.


    War die Beschädigung der Abdichtung vorprogrammiert ( s.o. ), dürften alle drei Unternehmer als Gesamtschuldner haften, weil sich der Mangel nur in seiner Gesamtheit beseitigen läßt. Bei einer Gesamtschuld kann der BH wählen, ob er alle Unternehmer oder nur einen der Unternehmer in Anspruch nimmt. Nimmt er nur einen der Unternehmer in Anspruch und erfüllt dieser den Anspruch, kann dieser Unternehmer im Innenverhätnis bei den beiden anderen Unternehmer nach § 426 [definition=19,0]BGB[/definition] Ausgleich fordern. Die Höhe des Ausgleichsanspruchs richtet sich dann nach dem Grad der Verursachung und des jeweiligen Verschuldens. Die geringste Verantwortung dürfte den Estrichleger und den Schlosser treffen, wenn der DDM die Beschädigung hätte kommen sehen müssen, d.h. sein Ausgangs- und erstes Gewerk die Ausgangsursache gewesen sein sollte, also vielleicht 20:20:60. Mit diesen Quoten würde also der jeweils in Anspruch genommene einzelne Unternehmer nach Schadensregulierung Rückgriff bei den beiden anderen Unternehmern nehmen. Besser wäre es natürlich, wenn es dazu erst gar nicht kommt und die drei Unternehmer sich einigen, dass sie den Mangel und die Schäden einvernehmlich regulieren. Das Problem ist hierbei die Festlegung der Quoten. Es deswegen auf einen Prozeß ankommen zu lassen, ist meist aber teurer, als nachzugeben und sich zu einigen ( wird aber leider kaum verstanden/gemacht; es wird vielmehr viel gutes Geld in Gerichtsprozessen versenkt ).


    Die Durchfeuchtungsschäden am Gebäude dürften durch die Haftpflichtversicherungen der Unternehmer gedeckt sein. Die Versicherungen sind daher von den Unternehmern frühzeitig zu unterrichten.